TikTok, Instagram, Snapchat und Co. … Soziale Medien gehören für viele Kinder und Jugendliche nicht nur zum Alltag, sie bestimmen auch immer öfter über ihre Zeit und ihre Vorlieben. Gleichzeitig beschäftigt Eltern die Frage: Ab wann ist mein Kind eigentlich alt genug dafür? Die EU will darauf nun eine einheitlichere Antwort geben durch neue Regeln.
Mit dem neuen EU KIDS Act sollen Kinder und Jugendliche im Netz besser geschützt werden. Dabei setzt die EU nicht allein auf Altersgrenzen. Vor allem die Plattformen selbst sollen stärker in die Verantwortung genommen werden, was junge Nutzer betrifft. Hier ist ein Überblick über die neuen Planungen.
Vorgesehen ist im EU KIDS Act ein abgestuftes Modell. Kinder unter 13 Jahren sollen keinen Zugang zu sozialen Netzwerken haben. Zwischen 13 und 15 Jahren sollen sie sogenannte Mini-Accounts nutzen können, die von den Eltern eingerichtet und beaufsichtigt werden und nur eingeschränkte Funktionen bieten.
Einen eigenen Social-Media-Account sollen Jugendliche EU-weit erst ab 15 Jahren eröffnen können. Für 15- bis 18-Jährige gilt wiederum ein anderer Ansatz: Sie sollen soziale Medien selbstständig nutzen können, die Angebote müssen für Minderjährige aber besondere Anforderungen an eine sichere Gestaltung erfüllen.
Damit geht der Vorschlag über die bisherigen Altersangaben vieler Plattformen hinaus. Vor allem soll die Verantwortung künftig nicht mehr überwiegend bei Eltern und Kindern liegen, sondern bei den Betreibern.
“Mit unserem EU KIDS Act stellen wir sicher, dass unsere Kinder ihre Rechte online genießen können – um zu lernen, in Verbindung zu bleiben und zu erkunden. Wir geben Eltern auch die Werkzeuge, um ihre Kinder zu begleiten, um eine sichere digitale Welt zu navigieren. All dies, indem der Druck auf Plattformen hoch gehalten wird, weil sie beweisen müssen, dass ihre Dienste nicht schaden.”, erklärte Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie der EU.

Die Plattformen sollen sicherer werden
Das ist gerade für Eltern einer der interessantesten Punkte des neuen Gesetzes. Große Plattformen sollen stärker als bisher nachweisen müssen, dass ihre Angebote altersgerecht und „safe by design“, also von Grund auf sicher gestaltet sind.
Dabei geht es nicht nur darum, welche Inhalte Kinder sehen. Auch Funktionen, die dazu verleiten können, möglichst lange auf einer Plattform zu bleiben, stehen in der Kritik. Ebenso spielen der Kontakt zu Fremden, ungeeignete Inhalte und die Funktionsweise algorithmischer Feeds eine Rolle.
Der EU-KIDS Act nimmt aber nicht nur klassische soziale Netzwerke in den Blick. Auch andere digitale Angebote, darunter KI-Chatbots und sogenannte AI Companions, spielen beim Schutz Minderjähriger eine Rolle. Für Familien bedeutet das einen Perspektivwechsel, den sich viele Eltern schon lange wünschen. Die Frage lautet künftig nicht mehr ausschließlich: Wie kontrollieren Eltern, was ihr Kind im Netz macht? Die Unternehmen sollen dann dafür sorgen müssen, dass ihre Produkte für junge Nutzerinnen und Nutzer überhaupt geeignet sind.
Egal ob es um das erste Handy, den eigenen Schlüssel, Fernsehen oder ein Haustier geht…
Warum die EU gerade jetzt Handlungsbedarf sieht
Kinder und Jugendliche verbringen einen beträchtlichen Teil ihres Tages online. Nach Angaben der EU-Kommission kommen 13- bis 18-Jährige an Schultagen im Durchschnitt auf 4,5 Stunden Bildschirmzeit, am Wochenende sind es sogar 6,1 Stunden.
Dabei geht es der EU nicht allein darum, wie lange Jugendliche online sind. Entscheidend ist, welchen Risiken sie dort begegnen und welche Auswirkungen die Nutzung insbesondere sozialer Medien haben kann. Nur etwa die Hälfte der 9- bis 16-Jährigen in Europa gibt an, sich online sicher zu fühlen. 38 Prozent berichten von Einschlafproblemen im Zusammenhang mit Social Media, 33 Prozent fühlen sich dadurch häufig gestresst oder ängstlich.
Auch Cybermobbing spielt eine große Rolle: Es ist nach Angaben der EU-Kommission regelmäßig der häufigste Grund, aus dem sich junge Menschen an die europäischen Safer Internet Centres wenden.
Diese Zahlen erklären, warum die EU bei ihrem neuen Regelwerk nicht nur über Altersgrenzen spricht. Die Plattformen selbst sollen so gestaltet werden, dass Minderjährige dort besser geschützt sind.
Interessant ist, dass viele Jugendliche die Risiken sozialer Medien durchaus kritisch sehen. Im Social-Media-Report 2026 der Techniker Krankenkasse befürworteten 55 Prozent der befragten 12- bis 17-Jährigen eine Altersgrenze für soziale Medien. Unter denjenigen, die sich für eine Altersgrenze aussprachen, lag das als sinnvoll empfundene Mindestalter im Durchschnitt bei 14 Jahren.
Eine Befragung von UNICEF Deutschland unter 14- bis 16-Jährigen zeigt gleichzeitig, dass Jugendliche vor allem mehr Schutz auf den Plattformen wünschen. 84 Prozent sprachen sich für bessere Inhaltsfilter und die schnelle Entfernung ungeeigneter Inhalte aus. 80 Prozent befürworteten standardmäßig aktivierte Schutzmaßnahmen wie private Profile oder eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten für Fremde.
Die Haltung der Jugendlichen bei der Nutzung der sozialen Medien lässt sich also nicht einfach auf „ja oder nein“ reduzieren. Viele wollen die Angebote nutzen, wünschen sich aber einen sichereren digitalen Raum.


Bei der Diskussion um die Risiken gerät leicht aus dem Blick, warum junge Menschen Instagram, TikTok & Co. überhaupt nutzen. Die Plattformen sind für sie nicht nur Zeitvertreib sondern Orte, an denen sie Freundschaften pflegen, Interessen teilen, Spaß haben und Zugehörigkeit erleben.
Auch die UNICEF-Befragung zeigt diese Ambivalenz: 38 Prozent der befragten Jugendlichen sahen insgesamt mehr Vor- als Nachteile sozialer Medien, für 46 Prozent hielten sich beide Seiten die Waage. 16 Prozent bewerteten Social Media überwiegend negativ.
Genau darum ist die Debatte um strikte Altersgrenzen und Verbote bei der Nutzung so schwierig. Kinder sollen vor problematischen Inhalten, unerwünschten Kontakten und manipulativen Mechanismen geschützt werden ohne sie pauschal von einem wichtigen Teil ihrer sozialen Lebenswelt auszuschließen.
Lieber Christian, sag uns doch mal als Fachmann und Vater: Was sind absolute No-Gos für…
Was bedeuten die Pläne der EU für Eltern und wie geht es weiter?
Zunächst einmal handelt es sich dabei um einen Gesetzesvorschlag. Bis aus europäischen Plänen verbindliche Regeln werden, sind weitere politische und gesetzgeberische Schritte notwendig und dabei können sich einzelne Punkte noch verändern. Die Richtung ist dennoch interessant: Digitaler Kinderschutz soll künftig weniger davon abhängen, ob Eltern jede App kennen, jede Einstellung finden und permanent kontrollieren (können), was auf dem Smartphone ihres Kindes passiert.
Denn selbst medienkompetente Eltern tun sich schwer damit zu überblicken, welche Inhalte ein Algorithmus ihrem Kind als Nächstes zeigt, wer Kontakt aufnehmen kann oder welche Mechanismen eine Plattform einsetzt, um Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange dort zu halten.
Mit dem KIDS Act der EU soll deshalb ein größerer Teil der Verantwortung dorthin verschoben werden, wo die digitalen Angebote entstehen: zu den Plattformen selbst.
Quelle: Europäische Kommission, Unicef, Techniker Krankenkasse
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