Viele Kinder wissen kaum noch, woher ihre Lebensmittel kommen. Sarah Wiener will das ändern. Im Interview spricht die Stiftungsgründerin, Köchin und Food-Aktivistin darüber, warum Kinder selbst kochen und ausprobieren sollten, warum sie nachhaltig erzeugten Lebensmitteln immer den Vorzug geben würde und was Ernährung mit Chancengerechtigkeit zu tun hat.
Liebe Frau Wiener, Sie haben mit Ihrer Stiftung bereits über 1,85 Millionen Kinder erreicht. Wie kam es, dass Sie sich für gesunde Ernährung von Kindern einsetzen?
Sarah Wiener: Ich wollte bei Kindern, die ihre Geschmacksnerven und ihr Geschmacksgedächtnis erst entwickeln, eine Erfahrung fürs zukünftige Leben und für ihre künftigen Familien stärken. Das Programm sollte Kinder dort erreichen, wo es notwendig ist: an öffentlichen Schulen, an Brennpunktschulen, in Kindergärten. Beim Planen war schnell klar: Allein schaffe ich das nicht! Also wurde die Idee geboren, Multiplikatoren auszubilden, die dieses Anliegen und Wissen weitertragen: Pädagogen, Lehrer, pädagogisches Fachpersonal.

Sie machen dazu auch richtige Kochkurse mit Kindern?
Ja, bzw. das machen Lehrerinnen und Erzieher in den Kitas und Schulen, mit denen wir zusammenarbeiten oder auch die fortgebildeten Personen in Familienzentren. Denn Kochen lernt man nicht durch Podcasts oder theoretische Bücher. Man muss in die Küche, sich ans Schneidbrett stellen, es selbst erleben: Wie fühlt sich ein Rettich an? Wie knackt er? Wie unterschiedlich kann Brot schmecken? Wir bieten dies zum Beispiel im Rahmen unserer bundesweiten Ernährungsinitiative Ich kann kochen! zusammen mit der BARMER Krankenkasse an, die für uns seit Jahren ein wichtiger Partner ist. Dazu bekommen die Gruppen in den Kindergärten und den Schulen ein Startkapital von 500 Euro von der BARMER, mit dem sie Lebensmittel fürs Kochen kaufen können.
Und dazu gibt es auch spezielle Exkursionen für Kita-Kinder?
Die „Kochkinder“ sollen auch den Ursprung der Lebensmittel kennenlernen. Mit unserem Bildungsprogramm Essen entdecken! können sie zu einem Bauernhof fahren und sehen, wie Gemüse angepflanzt wird oder zum Bäcker und mit ihm backen, oder sie können einen Imker besuchen und lernen, wie man Honig macht.
Sie haben bereits öffentlich geäußert, dass viele der Kinder verschiedene Lebensmittel gar nicht kennen oder erkennen.
Ich habe Sechsjährige kennengelernt, die noch nie eine frische Karotte gegessen haben. Die Realität in vielen Familien ist dramatischer als wir uns vorstellen können. Es gibt viele Menschen, die sich einen gesunden Einkauf im Supermarkt nicht leisten können – und im Biomarkt schon gar nicht. Ernährung ist nicht nur eine persönliche Notwendigkeit für ein gesundes Leben, sondern eng verbunden mit Kulturlandschaften, mit guter Luft und Tierwohl, mit Klimaschutz und Biodiversität und vor allem mit unserem eigenen Wohlbefinden und Körper, Seele und Geist. Ernährung hat aber auch viel mit Teilhabe und Chancengerechtigkeit zu tun.
Lassen Sie uns nochmal zum Thema Essen und Gesundheit kommen. Dies liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen.
Ja, ich halte die Fahne hoch für gesunde, nachhaltige Lebensmittel, die ohne Umweltgifte oder Mineraldünger hergestellt werden. Gerade in einer Zeit, in der es noch viel wichtiger wäre auf unsere Gesundheit zu achten, denn chronisch entzündliche Krankheiten, Sensitivitäten, Allergien, Hauterkrankungen, aber auch Diabetes Typ 2 nehmen bei Kindern zu. Man sieht deutlich: es gibt eine parallele Kurve zu hoch verarbeiteten Lebensmitteln und dem Anstieg dieser Beschwerden. Wir sehen auch plötzlich eine Zunahme von Darmkrebserkrankungen bei 25-Jährigen, das kannten wir bisher so noch nicht.


In den sozialen Medien gibt es ebenfalls Ernährungstrends, zum Beispiel mehr Proteine zu sich zu nehmen…
Diese Kampagnen sind zielgerichtet auf Kinder und Jugendliche abgestimmt. Es wird suggeriert, man müsse sich optimieren, also einen bestimmten Look haben um nicht ausgeschlossen zu werden. Da fangen dann 14-Jährige damit an Eiweißpulver in Massen in sich hinein zu schütten oder stellen sich das erste Mal an einen Herd um Hühnchen anzubraten um genügend Proteine zu bekommen, oder es werden Shakes getrunken … Es ist ein gefährlicher Trend, denn es wird vermittelt: Der Mensch ist, so wie er ist, nicht gut genug. Wir sollen alle gleich aussehen. Die Vielfalt, die Individualität wird langsam abgeschafft. Und das ist eine sehr spannende Parallele, denn genau das gleiche passiert mit den Lebensmitteln.
Aber bei Jugendlichen kommen solche Trends leider gut an, vom Eiweißriegel bis zum Energydrink.
Energydrinks sind hochgefährlich, denn das Taurin darin ist sehr hoch dosiert. Es gibt einige Studien dazu, dass Kinder und Jugendliche, die viel davon trinken, Herzrhythmusstörungen bekommen können. Ich halte den Konsum von Energydrings in vielerlei Hinsicht für problematisch, denn man weiß, dass die Ernährungsgewohnheiten in sehr jungen Jahren geprägt werden und dann Fahrt aufnehmen – im negativen Sinne. Dazu kommt, dass durch die künstlichen Aromen, die in den Drinks enthalten sind, so viel an Geschmacksempfinden und -sensibilität verloren geht… Es ist grauenhaft!
Was bedeutet Looksmaxxing überhaupt? Der Begriff setzt sich aus den Wörtern Looks (= Aussehen) und…
Zurück zum Kochen: Dabei können Kinder viele Dinge lernen. Wie sind hier Ihre Erfahrungen?
Das stimmt, sie lernen Lesen, Rechnen, Feinmotorik, sie lernen aufzuräumen und Verantwortung zu übernehmen. Und sie dürfen kreativ sein und Gerichte so abändern, wie sie es gut finden. Wo kannst du denn heute noch mit all deinen Sinnen dich erleben? Kochen ist eine sinnliche Wahrnehmung, man kann die Lebensmittel riechen, sie anfassen, eine Kruste knacken hören…


Welche Gerichte kochen Sie regelmäßig mit Kindern, welche kommen in den Kindergarten- und Schülergruppen gut an?
Das kommt darauf an, mit welchen Kindern man kocht. Einige mögen gerne Couscous mit Lamm oder auch Bratreis, wir machen aber auch gesunde Pommes mit selbstgemachtem Ketchup – da ist Honig drin zum Süßen, aber eben nicht so viel Zucker wie im industriell gefertigten Ketchup.
Das ist mir bei allem, was wir kochen, sehr wichtig: Wir möchten nichts verbieten, sondern den Kindern zeigen, wie sie gesündere Varianten oder Alternativen selber machen können. Auch Pfannkuchen kommen sehr gut an, denn die kann man anschließend füllen mit Marmelade, Apfelmus oder herzhaft mit Hackfleisch und Gemüse.
Und die Kinder können und dürfen in den Bildungsprogrammen viel ausprobieren?
Ja, das ist wichtig. Und sie müssen die Zutaten nicht unbedingt akkurat mit der Waage genau abwiegen, außer bei Mehlspeisen. Meiner Stiftung und mir ist wichtig, dass sie beim Kochen Eigenverantwortung und Vertrauen gewinnen. Ich möchte ihnen zeigen, dass es nur einen Beurteiler von einem Gericht gibt, das ist die eigene Zunge: Du machst es so, wie du willst und wie du es am besten findest. Es ist wichtig im Leben, dass man Menschen Mut macht und ihnen sagt: Du bist genau richtig, so wie du bist! Du kannst das! Mach einfach mal!
Zur Info:
Die Sarah Wiener Stiftung entwickelt Bildungsprogramme für Erzieher:innen, Lehrer:innen, weitere Fachkräfte und Eltern rund um eine vielfältige und nachhaltige Ernährung von Kindern. Mehr zu der Stiftung findet ihr auch unter sarah-wiener-stiftung.de.
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Bildquelle: Sarah Wiener Stiftung I photothek, Gettyimages, Kenny, Unsplash: Mieke Campbell


